"...die hier gemachten Erfahrungen haben mein Leben bereichert"


Rainer Faehndrich ist aktiver Unia-Mitglied und seit dem 1. Juni 2011 Mitglied im Ausländerbeirat (ABR) Kreulingen. Im folgenden Interview reden wir mit ihm über seine Erfahrungen als Deutscher in der Schweiz und sein Engagement in der Gewerkschafts- und Migrationspolitik.

 

Wann und weshalb bist Du in die Schweiz gekommen ?
Im Jahre 1989 zog ich infolge Heirat mit einer Schweizerin von Deutschland nach Kreuzlingen im Kanton Thurgau.


Welche Erfahrungen hast Du hier gemacht ?
Meine erste Erfahrung war die anfängliche Reserviertheit der Schweizer. Das war für mich gewöhnungsbedürftig, doch merkte ich bald, dass dafür einmal geschlossene Freundschaften auch ernst genommen werden.

Neben dieser menschlichen Erfahrung war ich befremdet, dass es in der Schweiz keine Mitbestimmung der Arbeitnehmer gibt. Ebenso vermisste ich den gesetzlichen Schutz der Mitglieder von Personalkommissionen. Überhaupt fiel mir auf, dass in der Schweiz viele wichtige Bereiche stark neoliberalistisch ausgerichtet sind, wie z.B. das Arbeits- oder Mietrecht.

Positiv fiel mir auf, dass im Gegensatz zu Deutschland in der Schweiz weniger Standesdünkel herrscht. Besonders in heiklen Situationen, wie Massenentlassungen, empfand ich es als hilfreich, mit den Verantwortungsträgern, z.B. Manager oder Politiker, unmittelbar und persönlich kommunizieren zu können.


Gibt es unterschiedliche Erlebnisse im Beruflichen und Privaten ?
Im Beruf kam es darauf an seine Arbeit gut zu machen, Flexibilität zu zeigen und solidarisch zu den Kollegen zu sein. Im Privaten wurde besonders Wert auf Anpassung an bürgerliche Lebensformen und deren ungeschriebene Gesetze gelegt.

So wurde von mir erwartet, endlich den Führerschein zu machen und mir ein Auto zuzulegen, mit der für mich unverständlichen Begründung, die Nachbarn würden schon reden. Da nun Autofahren wirklich nicht mein Ding ist, verteidigte ich meine Individualität und erteilte dem Begehren eine klare Absage. Die Folge war eine Verstimmung im privaten Umfeld, welche sich nie so ganz legen wollte.

Dafür erfuhr ich im Beruf für mein soziales und gewerkschaftliches Engagement – sechzehn Jahre war ich Präsident einer Betriebskommission -  viel Anerkennung, die mir die Kraft gab, auch in schwierigen Situationen nicht aufzugeben. Der Zusammenhalt der Kollegen war meine positivste Erfahrung in der Arbeitswelt, die ich nicht missen möchte.

Insgesamt habe ich als Ausländer keine Diskriminierung erlebt und erfuhr eine gute Integration.


Engagement im Ausländerbeirat der Stadt Kreuzlingen
Nach meiner Frühpensionierung schlugen mir Kollegen vor, meine in der Personalvertretung gemachten Erfahrungen in den Ausländerbeirat der Stadt Kreuzlingen einzubringen. Diese Herausforderung nahm ich gerne an, konnte ich doch so weiterhin für meine ausländischen Kollegen tätig sein. Dies besonders, da derzeit zum Teil leider in unverantwortlicher Weise gegen Ausländer polemisiert wird und eine sachliche Herangehensweise an die Migrationspolitik dringend angezeigt ist.


Wie siehst Du, falls es das gibt, die generelle Haltung der Schweizerinnen und Schweizer gegenüber Migranten ?
Entgegen dem Eindruck aus den Medien sehe ich generell eine positive und hilfsbereite Haltung der Schweizer Bevölkerung gegenüber Migranten. Hinweisen möchte ich z.B. auf das ehrenamtliche Engagement vieler Schweizer in Migrationsprojekten oder die Solidarität mit ausländischen Kollegen in den Schweizer Gewerkschaften.

Leider jedoch wird die Diskussion um die Migration auch von solchen Interessen, die mit Migration an sich nichts zu tun haben, wie z.B. Parteipolitik, negativ beeinflusst. Auch gibt es Befürchtungen, die ernst zu nehmen sind, wie die Vernichtung bezahlbaren Wohnraums zu Gunsten von Luxuswohnungen für wohlhabende Ausländer. Ebenso darf die Angst vor Arbeitsplatzverlust infolge Lohndumpings nicht bagatellisiert werden.

Hier ist eine Migrations- und Integrationspolitik gefragt, die durch Fairness, Sachlichkeit und soziale Verantwortung gekennzeichnet ist – ausländerfeindliche Polemik aus Eigennutz hat da nichts verloren !


Wie verläuft das Zusammenleben von Deutschen und Schweizer in Kreuzlingen?
Derzeit stellen die Deutschen etwa 25% der Wohnbevölkerung in Kreuzlingen. Hierbei handelt es sich um eine überwiegend mittelständische Zuwanderung. Das Verhältnis zur Schweizer Bevölkerung gestaltet sich problemfrei, jedoch kommt es im alltäglichen Umgang hin und wieder zu Irritationen. Diese beruhen auf einen Mentalitätsunterschied, z.B. die Neigung der Deutschen resolut aufzutreten, was in Kreuzlingen nicht gut ankommt. Ebenso pflegen viele Deutsche in Kreuzlingen einen eher zurückgezogenen und individuellen Lebensstil, was häufig als Integrationsverweigerung missverstanden wird. Hinzu kommt, dass die meisten Deutschen innerhalb kurzer Zeit nach Kreuzlingen kamen, was nun erst einmal verdaut werden muss. Gravierende Spannungen zwischen deutscher und Schweizer Wohnbevölkerung sind keineswegs erkennbar.


Fühlst Du ich hier zu Hause ?
Nach mehr als zwei Jahrzehnten in Kreuzlingen fühle ich mich hier sehr wohl zu Hause. Hier bin ich integriert, habe meine Kollegen und engagiere mich gerne auch im Ruhestand für meinen Wohnort.
Mein Fazit : Ich bereue es nicht in die Schweiz gezogen zu sein und die hier gemachten Erfahrungen haben mein Leben bereichert.

 
Eine Kampagne der Gewerkschaft