Diamantino Guerreiro ist beim grössten Tunnelbauwerk der Welt dabei


Unia-Mitglied Diamantino Guerreiro lebt und arbeitet seit zehn Jahren in Sedrun. Ihm gefällt die Arbeit hier, doch vermisst er seine Familie in Portugal.

 

Bereits sein Arbeitsweg ist speziell. Vom Dorf führt eine Standseilbahn hinunter zum Eingangstollen am Fusse des Berges. Hier kleidet sich Diamantino Guerreiro mit Helm, Schutzkleidung und Lampe für die Arbeit im Berg ein. Anschliessend geht es mit dem Zug mehrere Kilometer ins Berginnere, dann mit dem Lift 800 Meter senkrecht in die Tiefe. Dort, im Herzen des Gotthards, arbeitet der 52-jährige portugiesische Mineur aus Almodôvar, Alentejo, seit zehn Jahren.

 

Guerreiro und rund 500 weitere Mineure aus aller Welt bauen den mit 57 Kilometer längsten Tunnel der Welt. Der Gotthard-Basistunnel, auf 550 Meter über dem Meeresspiegel gelegen, ist das Filetstück der neuen Eisenbahn-Alpentransversale (NEAT). Er verkürzt die Reisezeiten zwischen der Deutschschweiz und dem Tessin, beziehungsweise Deutschland und Italien, massiv.

 

Die Mineure, wie die Tunnelarbeiter genannt werden, wohnen in Sedrun, einem kleinen rätoromanischen Dorf in der bündnerischen Surselva. Sie leben in Fertighäusern, die extra für sie auf einem Berghang oberhalb der Baustelle gebaut wurden. Die Arbeit im Herzen des Berges ist hart. Die Arbeitsbedingungen mit hohen Temperaturen und hohe Luftfeuchtigkeit, Kunstlicht, Staub und Lärm halten nicht alle Arbeiter aus. Viele wechseln ihre Stelle bereits wieder nach kurzer Zeit, nicht jedoch Guerreiro. Ihm gefällt seine Arbeit und er kann sich nicht vorstellen, etwas anderes zu arbeiten.

 

Harte, aber faszinierende Arbeit

Es sei eine Arbeit, die zwar körperlich streng, aber auch herausfordernd sei, weil sie Präzision und ein hohes Fachwissen verlange. «Wir müssen für jede Situation gerüstet sein. Wenn etwas Unerwartetes geschieht, ein Felssturz zum Beispiel, dürfen wir nicht in Panik geraten. Ansonsten könnte es fatale Folgen für uns haben», sagt Guerreiro. Es sei eine Arbeit, die viel Teamgeist erfordere. «Wir arbeiten mit schweren Maschinen, jeder Fehler wäre für uns selber und für unsere Kollegen katastrophal. Wir müssen unsere Arbeit gut koordinieren und Hand in Hand arbeiten. Wir müssen unseren Teamkollegen vertrauen», erzählt er.

 

In Portugal arbeitete Guerreiro als Maurer. Seit mehr als 20 Jahren ist er nun in der Schweiz im Tunnelbau tätig. Der Bau des Tunnels bei Martina in der Nähe von Scuol (GR) war sein erster Tunnel in der Schweiz. Die Reise von Lissabon nach Scuol habe zwei Tage gedauert und er hätte dabei das Gefühl gehabt, bis ans Ende der Welt gereist zu sein, erzählt Guerreiro. Die Arbeit gefiel ihm und er blieb dem Tunnelbau treu. Seither hat er in der ganzen Schweiz bei mehreren Tunnels mitgearbeitet, so beim Vereina-Tunnel in Klosters oder beim Mitholztunnel in Kandersteg. Die Faszination für seine Arbeit war dabei sein ständiger Begleiter.

 

Ein Leben fern der Familie

Der Arbeitsrhythmus im Tunnelbau sei gewöhnungsbedürftig, sagt Guerreiro. An zehn auf einander folgenden Tagen arbeitet er, danach hat er vier Tage frei. In dieser kurzen Zeit besucht er seine Familie in Portugal. Ihm falle es auch noch nach 20 Jahren schwer, von seiner Familie getrennt in Sedrun zu leben. «Als ich im Tunnelbau anfing», erzählt Guerreiro, «konnte ich mir nicht mehr als drei Mal im Jahr leisten, nach Hause zu fahren. Dadurch verpasste ich einen grossen Teil der Kindheit meines ältesten Sohnes. Im Nachhinein bereue ich das sehr. Noch heute erinnere ich mich schmerzhaft daran, wie sich mein kleiner Sohn an meinem Bein festklammerte und mich bat, nicht mehr fort zu gehen», erzählt er sichtlich bewegt.

 

Als sein Sohn sechs Jahre alt war und sein zweiter Sohn geboren wurde, reiste er häufiger und regelmässiger nach Hause. Guerreiro: «Die Arbeit gefällt mir, doch das Leben weg von der Familie ist hart. Hier in Sedrun fühle ich mich allein, die Zeit vergeht langsam. Ausser Arbeit gibt es hier nicht viel zu tun. Ich habe zwar viele Kollegen, doch sie können die Familie nicht ersetzen.»

 

Nomadenleben

Die Menschen von Sedrun seien sehr sympathisch und hätten die Minenarbeiter gut aufgenommen, erzählt der portugiesische Tunnelbauer. Doch sei die sprachliche Barriere gross. «Wir Mineure sind eine Gruppe für sich. Wir nehmen am Leben der Lokalbevölkerung nicht wirklich teil. Auch weil alle wissen, dass wir nur befristet in Sedrun wohnen: Sobald der Tunnel fertig ist, gehen wir fort. Mit etwas Glück finden wir eine neue Stelle in einem Tunnelprojekt, an einem anderen Ort, wo alles wieder von vorne beginnt», bringt es Guerreiro auf den Punkt.

 

Stolz auf die geleistete Arbeit

Als die letzten zwei Meter des Gotthard-Basistunnels unter laufenden Kameras gebohrt wurden, hat Guerreiro den Durchstich nur vor dem Fernseher miterlebt. Es sei trotzdem ein bewegender Moment gewesen, erzählt er. Er sei sehr stolz, dass er seinen Teil zu diesem Jahrhundertbauwerk beigetragen habe. Guerreiro: «Wir machen eine gefährliche Arbeit. Und dann kommt der Durchstich. Da ist man nur noch stolz und fühlt eine grosse Befriedigung.»

 
Eine Kampagne der Gewerkschaft