«Als Afrikaner spürt man sehr viel Misstrauen!»
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Der Jurist Celeste Ugochukwu kandidiert auf der Liste der alternativen Linken in Bern. Celeste wurde 1968 in Nigeria geboren. Er hat dort Philosophie studiert und ist 1991 nach Europa für eine Weiterbildung gekommen. In Toulouse lernte er drei Monate lang intensiv Französisch. Dann ist er in die Schweiz gekommen.
Warum bist Du nach Deinem Sprachaufenthalt in Frankreich in die Schweiz gekommen?
Celeste: Ich hatte Freunde in Toulouse, die mir gesagt haben, in der Schweiz könne man zweisprachig studieren. Das interessierte mich. Ich wollte in Fribourg Deutsch lernen und daneben an der Universität noch ein Doktorat in Philosophie machen.
Du hast dann aber Jus studiert, warum?
Mein Studium, das ich in Nigeria absolviert hatte, wurde in der Schweiz nicht anerkannt. Ich hätte vor dem Doktorat noch mindestens 2 Jahre Grundstudium machen müssen. Da habe ich mich entschlossen, etwas anderes, nämlich Rechtswissenschaft zu studieren.
Mittlerweile bist Du Jurist. Was waren Deine ursprünglichen Pläne, als Du nach Europa kamst?
Ich wollte zwei, drei Sprachen lernen, um nachher bei einer internationalen Organisation arbeiten zu können.
Jetzt bist Du schon 20 Jahre in der Schweiz. Haben sich Deine Pläne verändert?
Ja. Zuerst habe ich mich in eine Schweizerin verliebt und 2000 geheiratet. Weil meine Frau in Bern arbeitete, bin ich, nachdem ich zuerst zwei Jahre in Genf in einer Anwaltskanzlei gearbeitet hatte, nach Bern gezogen. Vorübergehend war ich ein Jahr in Nigeria und habe dort 2004/2005 einen nigerianischen Politiker in seinem Wahlkampf unterstützt. Wieder zurück in der Schweiz habe ich verschiedene Erfahrungen sammeln können als Rechtsberater von Flüchtlingsorganisationen. Ich habe auch auf dem Jugendgericht in Biel gearbeitet. In der Zwischenzeit bin ich Schweizer geworden und engagiere mich politisch und auch in verschiedenen MigrantInnen-Vereinen.
Du kandidierst jetzt für den Nationalrat. Was ist Deine Motivation dafür?
Die meisten Politikerinnen und Politiker in der Schweiz, die im Nationalrat sind, sind sehr weit vom Volk entfernt. Ich möchte volksnah politisieren. Ausserdem kenne ich die Situation der Migrantinnen und Migranten in der Schweiz sehr gut, weil ich sie ja selber erlebe. Ich kenne aber auch die Schweizer Realität gut. Ich denke deshalb, dass ich ein guter Vermittler sein kann und beitragen kann, Probleme im Migrationsbereich zu lösen.
Als Nigerianer möchte ich auch zeigen, dass die Vorurteile gegen Nigerianer nicht gerechtfertigt sind. Natürlich gibt es Probleme wie in jeder Gemeinschaft. Aber nicht alle Nigerianer sind schlechte Menschen! Ich möchte daran mitwirken, dass gerechte und nachhaltige Lösungen im Migrationsbereich gefunden werden. Migrantinnen und Migranten brauchen eine Stimme im Parlament. Deshalb hoffe ich, gewählt zu werden.
Du engagierst Dich ja sehr im Migrationsbereich. Du bist Mitglied im Vorstand des FIMM Schweiz (Forum für die Integration der Migrantinnen und Migranten), Du warst Präsident einer nigerianischen Organisation in der Schweiz und nun hast Du mitgeholfen, den Afrikarat zu gründen, der am 3. März seinen ersten Kongress in der Schweiz abhalten wird. Wozu braucht es den Afrikarat?
Als im letzten März ein Nigerianer bei der Ausschaffung in Kloten gestorben ist, haben wir zu einer Demonstration aufgerufen. Wir waren erstaunt, dass mehr SchweizerInnen und andere AusländerInnen daran teilgenommen haben als Afrikaner. Daraus ist das Bedürfnis entstanden, die verschiedenen Afrikanischen Gruppierungen zu vernetzen. Der Afrikarat übernimmt auch die Funktion einer Institution, die zwischen Afrikanern und Schweizer Institutionen und Behörden vermittelt. In der Stadt Biel haben wir schon positive Erfahrungen gemacht, wo die Behörden ein offenes Ohr hatten. Und wir wollen einen Beitrag zur besseren Integration der Afrikaner in der Schweiz leisten.
Denkst Du, dass es für Afrikanerinnen und Afrikaner schwieriger ist, sich in der Schweiz zu integrieren als für andere Ausländergruppen?
Selber habe ich gemerkt, dass es schwieriger ist, sich zu integrieren, wenn man mit der Idee hier lebt, bald in sein Heimatland zurückzukehren. Ich sehe jetzt meine Zukunft in der Schweiz, wobei ich nicht ausschliesse, dass sich dies auch ändern könnte.
Als Afrikanerin oder Afrikaner wird man schon öfter kontrolliert und spürt mehr Misstrauen, als gegenüber anderen Migrantengruppen. Ich habe das selber erlebt, aber noch viel mehr erlebe ich das bei den Afrikanern, die ich berate. Ein Beispiel: wie alle anderen Passagiere habe ich im Zug einmal mein GA gezeigt. Während der Kondukteur bei allen anderen «danke» sagte und weiterging, wollte er von mir den Ausweis unbedingt sehen. Ich habe dann gefragt, warum? Von den anderen Passagieren habe er auch keinen Ausweis verlangt. Seine Antwort war: er habe schon gesehen, dass Schwarze mit dem GA einer anderen Person gefahren sind. Das hat mich wütend gemacht. Das ist kein Argument, sondern ein Vorurteil und eine Diskriminierung von Schwarzen.
Vielen Dank für dieses Gespräch, Celeste, und alles Gute für Deinen Nationalratswahlkampf!
Das Interview führte Rita Schiavi


